Führung beginnt bei sich selbst – aber wie?

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Gerade für junge Führungskräfte geht ohne gutes Selbst-Management gar nichts. Was es mit dieser wesentlichen Fähigkeit auf sich hat, erläutert unser Gast-Autor Chris Peherstorfer.

In meiner letzten Firma beobachtete ich folgendes Phänomen: Innerhalb eines Jahres verließen drei Viertel des Führungspersonals krankheitsbedingt das Unternehmen. Diese Personen waren größtenteils seit über 20 Jahren in der Firma und mit der Führung von Personen bestens vertraut. Was war passiert?

Ein deutsches Unternehmen hatte die Firma übernommen und Gewinnmaximierung angestrebt: man wollte mit weniger Ressourcen mehr Ertrag erzielen. Die damit verbundene Organisations-Umstellung hat das Führungspersonal vor schier unlösbare Aufgaben gestellt – und ihr vorzeitiges Ausscheiden beschleunigt.

Kommt Ihnen diese Geschichte bekannt vor?
Ähnliche Situationen erlebe ich durch alle Branchen hindurch. Doch was unterscheidet jene Führungskräfte, die mit einer neuen Situation umgehen können, von denen, die das Unternehmen verlassen?

Aus dem Spitzensport weiß ich, wie wichtig es ist, die Waage zwischen Leistung und Entspannung zu finden. Auf der einen Seite setzt man den eigenen Körper extrem hohen Belastungen aus – auf der anderen Seite darf man sich nicht verletzen. Dieser schmale Grat setzt ein hohes Maß an Selbstmanagement voraus. Führungskräfte, die das besitzen, können mit neuen Herausforderungen viel besser umgehen – und schützen sich selbst vor Überforderung.

Dieses Selbstmanagement lässt sich in vier Teilbereiche untergliedern:

1. SELBST-BEWUSST-SEIN:

Darunter wird die Bewusstheit verstanden, wie mein Umfeld mein Innenleben beeinflusst und umgekehrt. Ich kenne meine inneren Antreiber, meine negativen Glaubenssätze und meine Stressmuster. Erst dann kann ich mich durch Bewertung der Situation und Veränderung des Fokus aus einem „Freeze“ in einen „Fight“ begeben – und mich aktiv der Herausforderung stellen.

Selbst-Bewusstsein ist die notwendige Voraussetzung für Selbstmanagement.

2. SELBST-VERANTWORTUNG

Hier zur Veranschaulichung ein Beispiel aus meiner (früheren) Sportler-Karriere:

Es ist Herbst 2002 in Caorle und ich sehe den Ringrichter in Zeitlupe in meine Richtung kommen. Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein, denn ich hatte mir geschworen niemals unvorbereitet in den Ring zu steigen. Aber die Aussicht auf eine Woche bezahlten Urlaub in Italien ließ mich meine Bedenken über Bord werfen. Schließlich war ich in diesem Turnier schon viel weiter gekommen als ich eigentlich geglaubt hatte – ohne Training bis ins Halbfinale! Und wenn ich das jetzt auch noch gewinne …

Ein Leberhaken setzte meinem Traum ein jähes Ende. Ich lag am Boden und fühlte mich unterhalb der Gürtellinie wie gelähmt. Meine Gedanken überschlugen sich. Was mache ich hier? In 100 Kämpfen war ich kein einziges Mal k.o. gegangen und den letzten Kampf verliere ich so jämmerlich? Ich wollte weinen, war wütend auf mich selbst. Sollte ich aufstehen? Ich hatte doch gar keine Kraft dafür!

In der Zwischenzeit war der Ringrichter bei „2“ angekommen. Und dann war es mir plötzlich sonnenklar: Ich war verantwortlich für diese Misere und niemand anderer! Ich würde alles tun, um nicht liegenzubleiben. Mit den Händen zog ich mich am Ringseil hoch und schaffte es bei „6“ wieder aufrecht zu stehen. Meine Kraft kehrte in dem Moment wieder, als ich begann aufzustehen. Den Kampf hatte ich dann zwar nach Punkten verloren, aber in meinem letzten Fight hatte ich die vielleicht wichtigste Lektion meines Lebens gelernt:

Wenn ich selbst die Verantwortung übernehme, bringe ich mich in meine Kraft.

3. SELBST-VERTRAUEN

Im Gegensatz zum Urvertrauen, das durch eine günstige Umwelt erschaffen wird, hängt das Selbst-Vertrauen von einem selbst ab. Viele Personen bewundern das große Selbstvertrauen eines Arnold Schwarzeneggers, der aufbrach, um die Welt für sich zu erobern. Sie sehen dabei aber nicht die vielen kleinen Schritte, die es benötigt, um dieses Selbst-Vertrauen aufzubauen. Wie macht man das?

Fangen Sie mit kleinen, nahezu unscheinbaren Veränderungen in Ihrem Leben an!

4. SELBST-ÜBERWINDUNG

Babys haben relativ wenig Problem damit, neue Dinge auszuprobieren. Egal ob es sich um krabbeln, gehen oder sprechen handelt. Mit einer großen Portion Neugier und Übermut stürzen sie sich in ihre neuen Aufgabengebiete und auch wenn sie wortwörtlich 10.000 Mal hinfallen, stehen sie genauso oft auf, bis das gewünschte Ziel erreicht ist. Warum fällt es uns als Erwachsene oft so schwer, aus der Komfortzone zu kommen?

Wir haben gewissermaßen eine „Schutzfunktion“ in unserem Gehirn eingebaut, so dass wir schmerzvolle Erfahrungen – wie mit der Hand auf eine heiße Herdplatte zu greifen – nur einmal im Leben machen müssen. Auf der anderen Seite bewahrt uns diese Funktion auch vor anderen enttäuschenden Erfahrungen – wie z.B. einem gebrochenen Herz oder einer schlechten öffentlichen Rede.

Das Problem ist aber, dass zwar jede heiße Herdplatte für unsere Haut ungesund ist, aber nicht jeder Mensch eine Enttäuschung oder nicht jede öffentliche Rede eine Peinlichkeit darstellt. Als Führungskraft müssen wir lernen zwischen echter Gefahr und bloßer Angst vor der Gefahr zu unterscheiden. Die Angst soll uns motivieren unser Bestes zu geben, aber niemals von etwas abhalten.

Leistungssportler und Führungskräfte müssen lernen, ihre Angst als Antrieb zu benutzen und sich nicht von ihr leiten lassen. Fehler können und sollen dabei als Erfahrungen in der Weiterentwicklung akzeptieren werden – oder anders formuliert:

Bloß keine Angst vor Fehlern, denn ohne sie ist keine Weiterentwicklung möglich!

Fazit: Führung ist intensive, lohnende Arbeit an sich selbst!

Wer an die Spitze will, muss vor allem lernen, sich selbst zu managen. Die Schlüsselkriterien dafür sind Selbst-Bewusstsein, Selbst-Verantwortung, Selbst-Vertrauen und Selbst-Überwindung.

Über den Autor:
Ing. Christian Peherstorfer ist Corporate Trainer und Coach in Wien. Auf kreative Weise verbindet er seine langjährigen Erfahrungen als Hochbau-Ingenieur, aus dem Leistungssport und der Psychologie, um Unternehmen und Mitarbeiter für alternative Sichtweisen und Lösungsansätze zu begeistern.

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